Späte Brutzeit und Wegzug 2018: ein sehr warmer, sehr trockener und endloser Sommer

Seeanger - MSiebner
Abb. 1: Ausgetrockneter Seeanger mit Schilf als Viehfutter Foto: M. Siebner

Kurz und bündig: Der Sommer 2018 war groß, sehr groß. Er begann Mitte April und machte erst Mitte November einem Kälteeinbruch Platz. Insgesamt gestaltete er sich nicht ganz so warm wie der „Jahrhundertsommer 2003“. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war aber keiner so trocken. In vielen Regionen fiel nur ein Drittel der üblichen Regenmenge. Winzer, Betreiber von Obstkulturen, Eisdielenbesitzer und Freibadgänger jubilierten, während Getreide- und Kartoffelbauern, Binnenschiffer und Förster über Einbußen klagten. Gebietsweise wurde das Grünfutter für Kühe und Schafe knapp. Biobauern hingegen, die aus Prinzip auf eine vielfältige Fruchtfolge setzen und den Boden schonender bearbeiten, waren nicht annähernd so schlimm dran. Und während sich im warmen Rinden-Mikroklima Myriaden gefräßiger Borkenkäfer über die vom Wintersturm „Friederike“ gebeutelten Fichtenplantagen in den Landesforsten und Privatwäldern hermachten, konnte man sich im Göttinger Stadtwald, der seit Jahrzehnten „naturgemäß“ bewirtschaftet wird, gelassen zurücklehnen: Schäden waren hier kaum auszumachen.
Vor dem Hintergrund dieses außergewöhnlichen Wetterphänomens, das sich besonders in Deutschland und Skandinavien bemerkbar machte, fabulierten Klimapropheten und Propagandisten/Profiteure der „Energiewende“ sogleich von einer „neuen Heißzeit“ oder gar vom „Kippen des Klimas“. Meteorologen, die zur Besonnenheit mahnten, kamen in der medial aufgeheizten Stimmung kaum zu Wort. Letztlich wird man frühestens in ca. 30 Jahren ein Urteil über den Realitätsgehalt dieser Prognosen fällen können. Eins ist aber sicher: Sollte der Sommer 2019 kühl und feucht ausfallen, werden sich die Normalbürger nach den Temperaturen des Vorjahrs zurücksehnen und das bekannte Klagelied von Rudi Carrell anstimmen (more…)

December 1st, 2018

Die Feldlerche – Vogel des Jahres 2019 –
in Süd-Niedersachsen:
Vom Himmel in den Abgrund der Roten Liste

Feldlerche - MSiebner
Abb. 1: Singende Feldlerche. Foto: M. Siebner

Auf einem Lesesteinhaufen steht ein kleiner, erdbraun gefärbter Vogel. Er putzt sich, mustert aufmerksam die Umgebung, sträubt ein Häubchen, und dann geschieht etwas Unglaubliches: In Spiralen steigt er, mit schnellen Flügelschlägen und unablässig tirilierend empor, immer höher, bis er nur noch als winziger Punkt am Himmel zu sehen ist. Dort oben bleibt er, immer noch singend, scheinbar unbeweglich stehen, bis es nach einigen Minuten (im Extremfall erst nach einer Stunde!) wieder abwärts geht. Die letzten Meter bis zum Boden legt er als rasantes Geschoss zurück. Nach der Landung ist er wegen seines Tarnkleids nur mit Mühe auszumachen. Weil man dieses Spektakel bereits im Februar beobachten kann, ist die Feldlerche, weit vor der Rauchschwalbe, der wahre Frühlingsbote, über den sich alle freuen, die in der freien Natur noch ohne Kopfhörer unterwegs sind. (more…)

October 29th, 2018

Seeanger: Naturschutzgebiet unter Druck?

Seeanger - VHesse
Abb. 1: Seeanger. Foto: V. Hesse

Bis ins 18. Jahrhundert existierte in der Senke zwischen Seeburg und Ebergötzen ein ca. 15 Hektar großes Gewässer: der Westersee. Zusammen mit dem Seeburger See und dem Luttersee (heute Lutteranger, 1989 wiedervernässt) bildete er ein Ensemble aus drei Feuchtgebieten. In der Folgezeit verlandete er. Übrig blieb ein Niedermoor, das bis weit ins 20. Jahrhundert entwässert und, bis auf kleine Reste, in Weide- und Ackerland verwandelt wurde.
Nach jahrelangen Vorarbeiten begann 2002/2003 die Renaturierung des Gebiets. Der Landkreis Göttingen hatte mit 105 Hektar einen Großteil der Flächen angekauft. Der Bachlauf der Aue, die seit jeher die Senke durchfließt, wurde streckenweise in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, Entwässerungsgräben verschlossen. An der tiefsten Stelle entstand schnell ein Gewässer, das zusammen mit dem benachbarten „Pfuhl“, der von einem weiteren Bach, der Retlake, gespeist wird, eine Einheit bildet.
Nach dieser Naturschutz-Großtat entwickelte sich der Seeanger schnell zum mit Abstand artenreichsten und wertvollsten Feuchtgebiet im Landkreis Göttingen. Besonders auf Vögel übt er - in einer Landschaft, die extrem arm an Feuchtgebieten mit Flachwasserzonen ist - eine magische Anziehungskraft aus. In manchen Frühjahren wimmelt es von Watvögeln (Limikolen), die auf dem Heimzug in ihre skandinavischen und nordasiatischen Brutgebiete rasten. Darunter befanden sich Ausnahmegäste wie Terekwasserläufer, Graubrust-Strandläufer, balzende Doppelschnepfen und andere Vögel, die auch versierte Vogelkundler zuvor nur dem Namen nach kannten (more…)

September 13th, 2018

Heimzug und Brutzeit 2018:
„Brüh’ im Lichte dieses Glückes!”

Silberreiher - M.Siebner
Abb. 1: Meister Proper im Göttinger Süden. Silberreiher im Hochzeitskleid.
Foto: M. Siebner

Die eigenwillige Umdichtung der deutschen Nationalhymne, die eine leichte Muse aus Delmenhorst 2005 vor einem Fußballspiel versehentlich zu Gehör brachte („ich war so aufgeregt“), hat endlich Wirkung gezeigt: Im April, Mai und Juni 2018 gestaltete sich das Wetter so sonnig und warm wie noch nie seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor ca. 150 Jahren. Können wir bald ein Klimaoptimum (heutzutage ein verpönter Begriff!) wie im Mittelalter genießen, mit Weinbau an den Hängen des Leinetals oder Ackerbau und Viehzucht auf Grönland wie zur Wikingerzeit (more…)

July 11th, 2018

Grünlaubsänger:
Ein kleiner Vogel belebt Göttingen-Weende

Grünlaubsänger_VHesse
Abb. 1: Weender Grünlaubsänger. Foto: V. Hesse

Am 4. Juni 2018 gegen 6:55 Uhr, kurz vor Aufbruch zu einer Mitfahrgelegenheit am anderen Ende von Göttingen, wurde Alexander Sührig in seiner Wohnung durch die auf Kipp stehende Balkontür auf einen sich nicht sofort erschließenden Gesang aufmerksam, der nach längerem Anhören und Sichtung des Vogels - der Beobachter befand sich jetzt auf dem Balkon - als Gesang eines Grünlaubsängers (Phylloscopus trochiloides) identifiziert werden konnte. Der Vogel hielt sich in Koniferen im unmittelbaren Nahbereich des Hauses Uferweg 4 auf und entzog sich zunächst weiteren Wahrnehmungen. (more…)

July 1st, 2018

Birdrace 2018 in NOM und GÖ:
Rekordverdächtiges und Ernüchterndes

Schwarzkelchen - Siebner
Abb. 1: Nach dem Rennen hatten ‘Schwarzkelchen’ immerhin
fünf Teams aus der Region auf ihrer Liste. Foto: M.Siebner

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Artenzahlen waren es nicht, die den diesjährigen regionalen Durchlauf des bundesweiten Birdrace zu einem außergewöhnlichen Ereignis gemacht haben. Ein seit mehreren Tagen stabiles Hochdruckgebiet sorgte am 5. Mai nicht nur zwischen Solling, Harz und Kaufunger Wald dafür, dass Durchzügler Richtung Nordost abgezogen waren oder erst gar keinen Stopp machten und die Artenlisten der Teams in akribischer Fleißarbeit überwiegend mit den regionalen Brutvögeln gefüllt werden mussten.

Viel bemerkenswerter war aus regionaler Sicht die Beteiligung von insgesamt neun Teams in den Landkreisen Göttingen und Northeim – so viele waren es noch nie. Sowohl die Zusammensetzung der Teams als auch die Herangehensweise beim Rennen selbst unterschieden sich dabei erfreulich. (more…)

May 26th, 2018

Der Vogelwinter 2017/18 in Süd-Niedersachsen:
So weit die Flügel tragen - Besuch aus der Taiga

Birkenzeisig - VHesse
Abb. 1: Birkenzeisig. Foto: V. Hesse

Im Dezember 2017 und Januar 2018 war es dunkel, sehr dunkel. Und sehr, sehr nass. Nur ganz selten riss, zwischen zwei Regengüssen, das dichte Gewölk auf. Dann klammerten sich blasse Kleinkinder in Panik an ihre Eltern, weil sie plötzlich von einem Feuerball geblendet wurden. Gerüchten zufolge soll es sich dabei um ein Gestirn namens ” Sonne” gehandelt haben. Im Dezember schien sie nur 16 Stunden, im Januar war es ähnlich. Damit wurde der extrem trübe Winter 2012/13 noch unterboten. Was tun? Eine bewährte Antwort auf monatelange Dunkelheit kommt aus Finnland. Sie wird dort “Kalsarikännit” genannt, auf Deutsch ungefähr “sich allein zu Hause in Unterhosen betrinken”. Vermutlich hat sie im vergangenen Quartal auch in unseren Breiten einigen Anklang gefunden. (more…)

March 4th, 2018

Späte Brutzeit und Wegzug 2017 in Süd-Niedersachsen: Wind und Regen ohne Ende

Mittelsäger - M.Siebner
Abb. 1: Mittelsäger am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Das Wetter im Berichtszeitraum Juli - November gestaltete sich, nun ja, recht wechselhaft. Stabile Hochdrucklagen im Sommer: Fehlanzeige. Die Folge war ein extrem nasser Juli. So etwas ist in unseren Breiten nicht ungewöhnlich. In der letzten Dekade des Monats kam es jedoch besonders heftig: Das Tiefdruckgebiet „Alfred“, ein veritables Ekel, sorgte für tagelangen, unwetterartigen Dauerregen. Die Pegel der Leine und ihrer Nebenflüsse stiegen dramatisch. Nördlich des Harzes war auf großer Fläche Land unter. In Süd-Niedersachsen kam es nicht ganz so schlimm, doch mussten der Leinepolder Salzderhelden und der Seeanger zeitweise aufgestaut werden, um der Wassermassen Herr zu werden. Über Brutverluste in diesen Gebieten kann man nur spekulieren. Weil der Stau im Hochsommer erfolgte, könnten sie sich, ein paar Spätbrüter ausgenommen, in Grenzen gehalten haben. Das Wasser stand über Wochen in den Niederungen und wurde im August mit Nachschub versorgt. Davon profitierten rastende Wat-, Wasser- und Schreitvögel (more…)

December 10th, 2017

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