Ein typischer Mitteleuropäer – früher!
Auch wenn der Ursprung der Gattung Perdix in den Steppen Asiens liegt und das Verbreitungsgebiet unseres Rebhuhns (Perdix perdix) ebenfalls bis nach Zentralasien reicht: Der NABU-„Vogel des Jahres 2026“ ist schon seit sehr langer Zeit ein typischer Bewohner Mitteleuropas – und zwar lange vor Ankunft des Homo sapiens. Fossilbelege vom Rebhuhn gibt es bereits aus der Zeit der Neandertaler in Mitteleuropa, aber auch später aus verschiedenen Epochen der Steinzeit. In einer interessanten Studie von Pearce et al. (2023) wird eine großflächige Rekonstruktion von europäischen Landschaften vor Erscheinen des heutigen Menschen in den Interglazialen dargestellt. Hier haben lichte Vegetationstypen (locker baumbestandene Landschaften und Offenland) durchschnittlich über 50% der untersuchten Regionen ausgemacht. Es gab also reichlich Platz für Rebhühner.
Später wurde die Art in der Kulturlandschaft heimisch, wo Weideland, Äcker und Brachen sehr hohe Dichten von Rebhühnern hervorbrachten. In den Nachkriegsjahren muss der Bestand in Deutschland noch mehrere Millionen Paare umfasst haben. Heute wird der deutsche Bestand auf ca. 50.000 Paare geschätzt – noch etwa 1-2 % der früheren Zahlen. Der große Einbruch war Ende der 1970er-Jahre, nach einem sehr schneereichen Winter. Solche Einbrüche gab es schon früher und nach einem Jahr hatten die Rebhühner das mit ihrer hohen Reproduktion kompensiert– doch nach 1979 hat sich der Rebhuhnbestand nie wieder erholt – die Landschaft machte inzwischen so hohe Wachstumsraten, die früher die Erholung bewirkt hatten, nicht mehr möglich. In Ostdeutschland, wie zum Beispiel in Sachsen, aber auch im Südwesten der Bundesrepublik hat das Rebhuhn weite Teile der Landschaft geräumt.
Niedersachsen ist immer noch das an Rebhühnern reichste Bundesland, aber auch die Region mit den stärksten Rückgängen: In den letzten 20 Jahren ist der Rebhuhnbestand um ca. 80 % gefallen. Der Rückgang betrifft in Niedersachsen vor allem die klassischen Niederwildreviere im Westen des Landes, wo die Landschaft durch die hohe Tierproduktion besonders unter Druck steht. Im Weser-Leinebergland waren die Rebhuhndichten nie so hoch wie im Flachland. Hier sind sie aber auch in den letzten 20 Jahren recht stabil geblieben.
Heute sind baumarme Regionen der Schwerpunkt der Rebhuhnverbreitung. In Niedersachsen gibt es in den Börden trotz der Strukturarmut großflächig die höchsten Dichten an Rebhühnern. Die Dichten von Prädatoren – vor allem des Fuchses – sind dort erheblich niedriger als in den waldreichen Mittelgebirgen. Ein weiterer Schwerpunkt zahlreicher Feldvögel in Niedersachsen ist das Wendland mit seiner Konzentration an Agrarumweltmaßnahmen. Im Atlas der Brutvögel Niedersachsens werden dort niedersachsenweit die höchsten Dichten von Feldvogelarten dargestellt und auch Rebhühner erreichen dort noch höhere Dichten.

Im Wesentlichen sind drei Gründe für den Rückgang verantwortlich: die geringere Eignung der Felder selber als Lebensraum durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, der Verlust des kleinräumigen Nebeneinanders der angebauten Kulturen und das hohe Prädationsrisiko.
Der Rebhuhnbestand im Landkreis Göttingen
Als wir 2004 mit dem Rebhuhnschutzprojekt starteten, war der Rebhuhnbestand in der Szene der Ornithologen recht unbekannt. Im Rahmen der üblichen Erfassungen lässt sich das Rebhuhn schlecht nachweisen, und so schätzten die hiesigen Vogelbeobachter den Bestand des Landkreises auf wenige Dutzend Paare. 2006 haben wir dann die Rebhuhnkartierung begonnen, auf ca. 100 km² vom südlichen Stadtrand von Göttingen bis nach Gieboldehausen und Duderstadt. Wir haben festgestellt, dass die Rufbereitschaft (und auch die Antwortquote auf Klangattrappen) erst in tiefer Dämmerung hoch ist und dass die Zeit des Rufens am Abend auf jeweils eine knappe halbe Stunde beschränkt ist und dazu jahreszeitlich auch nur um die Monatswende Februar/März eine gute Erfassbarkeit ermöglicht. Haben sich die Paare gefunden, schweigen sie wieder. Singles reagieren in 70-90 % der Fälle auf Klangattrappen, Paare nur noch in 20%. Diese Zeitbeschränkung der Erfassbarkeit erfordert eine Großaktion mit vielen Teilnehmern. Die alljährliche Rebhuhnkartierung ist unter Göttinger Studis des Faches Biodiversität schon fast Tradition. Alljährlich helfen 60-70 Leute bei der Kartierung. In den 20 Jahren der Studie haben schon ca. 600 Menschen in Göttingen Rebhühner erfasst. Die Methode ist inzwischen als Standard der Rebhuhnerfassung etabliert und ins Monitoring seltener Brutvögel des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten aufgenommen. Letztes Jahr wurden deutschlandweit auf ca. 5.000 Transekten Rebhühner erfasst.
Der Rebhuhnbestand im Landkreis ist zum Glück noch höher als von den Göttinger Ornithologen eingeschätzt. Im Zählgebiet werden alljährlich – mit Schwankungen – ca. 190 rufende Hähne erfasst. Ein Vergleich mit den Daten aus der Wildtiererfassung zeigt, dass die Jäger den Rebhuhnbestand etwas unterschätzen. Sie kommen ca. auf die Hälfte unserer Nachweise. Die Wildtiererfassung der Jägerschaft hat den großen Vorteil, dass sie flächendeckend ist. Aus einem Abgleich der Daten konnten wir auf den Bestand des ganzen Landkreises (ohne Osterode) hochrechnen: hier leben ca. 400 Rebhuhnpaare im Landkreis Göttingen. Die Dichten in den Schwerpunktgebieten liegen bei ca. zwei rufenden Hähnen/km², am Stadtrand Geismar auch bei ca. vier Hähnen/km².

Auch im Landkreis Göttingen sieht man das Muster, dass waldreiche Zonen gemieden werden: die besten Bestände existieren im Eichsfeld, während westlich von Göttingen die Landschaft stärker mit Wald durchsetzt ist. Dort kommt das Rebhuhn inzwischen schlechter klar. Der mit dem Wald verbundene höhere Prädationsdruck macht den Unterschied.

Rebhuhnbalz
Ende Februar/Anfang März lösen sich die Ketten auf. Die Rebhühner sind in dieser Zeit auf Partnersuche. Die Hähne rufen, jagen sich gegenseitig und fliegen viel umher, um fremde Rebhühner zu treffen. Der größte Teil dieser Aktivitäten findet bei fast völliger Dunkelheit, im beginnenden ersten Tageslicht oder im letzten Abendlicht statt. Das auffällige Verhalten soll keine Greifvögel anziehen, daher findet die höchste Aktivität statt, wenn das Licht für Greifvögel zu schwach ist. Die Henne sucht sich den Hahn aus. Sie vermeidet dabei, ihre Brüder zu wählen, denn die Rebhühner erkennen einander und eine Henne möchte einen fremden Vogel als Hahn. Die Henne achtet bei ihrer Wahl sehr auf Dominanz, daher haben Rebhähne, die andere Hähne in die Flucht schlagen, „bessere Karten“ bei der Partnerwahl.
Die Balz an sich ist relativ unauffällig: Der Hahn stellt sich aufrecht, sträubt das Gefieder am Bürzel und Bauch etwas und ruft ein leises „Gru“ (Abb. 3). Auch die Henne balzt den Hahn an, indem sie ihm auffällig mit ruckendem Kopf von rechts und links ins Gesicht blickt. Haben sich so zwei Vögel gefunden, die sich füreinander interessieren, testet der Hahn die entstehende Bindung mit einem Paarlauf: er rennt los und die interessierte Henne rennt mit. Wie ein Haushahn füttert auch der Rebhahn seine Henne. Sobald er ein Insekt findet, bietet er es mit leisen Lockrufen der Henne an.

Es gibt auch immer Hähne, die leer ausgehen, denn das Geschlechterverhältnis in einer Rebhuhnpopulation ist leicht verschoben: durch die höhere Sterblichkeit der Hennen zur Brutzeit gibt es weniger Hennen als Hähne. Solche einsamen Hähne hoffen bis in den Juni noch auf ihre Chance, die Nachfolge eines gefressenen Hahnes übernehmen zu können und treiben sich deshalb in der Nähe von Paaren herum. Hat es aber mit einer eigenen Familie nicht geklappt, schaffen sie es manchmal, sich schon recht früh einem Paar mit Küken anzuschließen. So entdeckt man gelegentlich auf Fotos einer Wildkamera drei erwachsene Rebhühner mit kleinen Küken oder zwei Hähne mit Küken.
Es wäre übrigens falsch, diese Zeit der Paarbildung als „Paarungszeit“ zu bezeichnen. Die Rebhühner finden sich zum Ende des Winters zu Paaren mit einem engen sozialen Band zusammen. Sie paaren sich aber erst Monate später, wenn die Eier gelegt werden.
Die Brutzeit der Rebhühner

Obwohl es Standvogel ist und sich die Paare schon im Februar und März finden, zählt das Rebhuhn zu den spätesten Brutvögeln in Mitteleuropa. Vereinzelt legen die Hennen zwar schon Ende April oder Anfang Mai das erste Ei, aber der große Teil der Hennen beginnt erst um den 10. Mai mit der Eiablage. Ein Gelege umfasst durchschnittlich 16-17 Eier, auch über 20 Eier sind möglich. Bis ein Gelege vollzählig ist vergehen ca. 3 Wochen. Danach – meist erst im Juni – beginnt die Henne mit dem Brüten, und die meisten Küken schlüpfen im Verlauf des Julis. Die Henne bebrütet das Gelege alleine, der Hahn steht in der weiteren Umgebung Wache, begleitet die Henne in den Brutpausen und verleitet Bodenfeinde indem er sich flügellahm stellt oder attackiert Krähen und Turmfalken, wenn sie sich dem Brutplatz oder den Küken nähern.Die Küken ernähren sich überwiegend von Insekten. Insbesondere die Brut von Ameisen ist eine verlässliche Kost, die bei jedem Wetter zur Verfügung steht.
Das Körpergewicht der Eltern haben die Jungvögel im Alter von 8 Wochen noch nicht ganz erreicht. Für die Aufzucht einer Brut braucht das Rebhuhn also gut 3 Monate. Diese lange Brutzeit macht das Rebhuhn so anspruchsvoll: von der Revierwahl im März bis Mitte August, wenn die Küken langsam flugfähig werden, darf die Vegetation des Brutreviers nicht gemäht werden.
Rebhühner bevorzugen zum Brüten und zur Aufzucht der Küken ungenutzte Vegetation, wenn sie zur Verfügung steht, also Feldraine, Graswege, Brachen und Blühflächen. In der Göttinger Telemetrie-Studie gab es fast nur Brutplätze in solcher Extensiv-Vegetation und unter den über 70 georteten Nestern gab es nur noch zwei Getreidebruten. Andernorts – etwa in Frankreich – brüten Rebhühner aber durchaus noch im Getreide.

Herbst und Winter
Im Herbst und Winter bleiben die Rebhuhnfamilien beisammen. Paare ohne Bruterfolg und Singles können sich ebenfalls zu Ketten zusammenschließen. Begegnen sich zwei Ketten, gibt es Streit. Daher bleiben diese in der Regel getrennt. Den Zusammenschluss mehrerer Ketten zu „Völkern“ konnten wir bei den telemetrierten Rebhühnern nie beobachten. In dieser Zeit sind Stoppeläcker, Zuckerrüben und die Zwischenfrüchte die beliebtesten Aufenthaltsorte. Oft verlassen Rebhühner die strukturreichen und unübersichtlichen Bereiche ihres Lebensraums und verbringen vor allem im Winter viel Zeit in der Mitte von Rapsfeldern, die mit 10 – 20 cm Höhe sowohl genügend Deckung bieten, als auch gleichzeitig den Ausblick, so dass sie keinen Überraschungsattacken ausgesetzt sind. Da Rebhühner zu dieser Jahreszeit hauptsächlich Blätter fressen, bietet ein Rapsfeld auch ausreichend Nahrung.Während Rebhühner im Sommer auf die Bedürfnisse der Küken achten müssen, ist die Sicherheit das wichtigste Kriterium für die Aufenthaltsorte der Ketten.
In schneefreien Wintern ist die Sterblichkeit der Rebhühner geringer als zur Zeit der Balz oder zur Brutzeit. Nur eine lang anhaltende und hohe Schneedecke verursacht Probleme. Während hoher Schneelagen verfünffachte sich in der Telemetriestudie die Sterblichkeit durch Fressfeinde (auch die Prädation durch Füchse erhöhte sich deutlich).

Aktionsräume der Rebhühner
Rebhühner besetzen temporäre Aktionsräume, die sie im Jahresverlauf mehrfach wechseln können. Oft gibt es nur wenig Überlappung zwischen dem Aktionsraum im Winter und dem Brutterritorium. Auch bei Brutverlust wechseln die Vögel das Revier sofort. Zur Zeit der Partnersuche fliegen besonders die Hähne oft weit umher (bis 20 km Luftlinie nachgewiesen) und auf der Suche nach einem geeigneten Brutrevier können die Paare im März und April auch weit umherstreifen (bis 9 km Luftlinie nachgewiesen). Wenn ein Rebhuhnpaar Küken führt, kann der Aktionsraum wiederum sehr klein sein, durchschnittlich sind es 4 Hektar, bei guter Qualität des Lebensraums (z.B. in einer Blühfläche) kann bereits ein Hektar ausreichen.
Das Rebhuhnschutzprojekt
Neben der erwähnten Kartierung und der Telemetriestudie ist es ein wichtiges Anliegen des Rebhuhnschutzprojektes, die Lebensbedingungen für Rebhühner in der Region zu verbessern. Im Laufe der letzten 20 Jahre haben viele befristete Projekte zusammen für eine lange Kontinuität gesorgt. Viele Partner waren involviert, neben der Abteilung Naturschutzbiologie der Universität Göttingen vor allem die Biologische Schutzgemeinschaft Göttingen und viele verschiedene Geldgeber.
Wir haben es leider nicht geschafft, den Rebhuhnbestand auf der Ebene des untersuchten Kartiergebietes von ca. 100 km² anzuheben. Nur lokal ist es gelungen, die Dichte an Maßnahmen so steigern, dass sich der Rebhuhnbestand deutlich erhöht hat. Bei Nesselröden gingen infolge die Rebhuhnzahlen von 4 auf 39 rufende Hähne hoch. Auch in Geismar/Diemarden ist während der Projektlaufzeit des EU-Interreg-Projektes „PARTRIDGE“ der Rebhuhnbestand gestiegen. Wegen der erheblichen lokalen Schwankungen der Rebhuhndichten, sind diese Zahlen allerdings nicht leicht zu interpretieren
Im Projekt konnten wir die „strukturreiche Blühfläche“ als wichtige Maßnahme im Feldvogelschutz etablieren, nicht nur in Niedersachsen. Bundesweit konnten wir mit den Daten aus der Telemetriestudie eine Verschiebung des Mahdtermins von Brachen um 6 Wochen auf den 15. August erreichen. Damit verwandeln sich die Brachen von einer Rebhuhn-Falle zum wichtigen Lebensraumbestandteil.

Eine wichtige Entwicklung ist nun das Projekt „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern!“ im Bundesprogramm Biologische Vielfalt (2023 – 2029). Auch hier gehen wichtige Erkenntnisse aus unserer Forschung ein: Während das „Was?“ wir an Maßnahmen brauchen für viele Arten gut untersucht ist, bleibt die Frage nach dem „Wieviel?“ oft unbeantwortet. Im Projekt „Rebhuhn retten“ gehen wir mit einer neuen Dimension darauf ein: in 10 Projektgebieten (zusammen eine Fläche von der Größe des Saarlandes abdeckend) sollen großflächig Maßnahmen umgesetzt werden. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse!
Eckhard Gottschalk


Literatur: Pearce, E.A., Mazier, F., Norman, S. et al. (2023): Substantial light woodland and open vegetation characterized the temperate forest biome before Homo sapiens. Sci. Adv. 9, eadi9135.