Eisvogel fängt Spitzmaus?

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„Fischer sind vielfach langweilige, mürrische, einsiedlerische Gesellen, bei den Tieren sowohl wie bei den Menschen, und das gilt auch für den Eisvogel.“ So sah das zumindest Flöricke im Jahre 1907 [1]. Eisvögel ernähren sich tatsächlich vorwiegend von kleinen Fischen, im Sommerhalbjahr teilweise auch von Insekten [2]. Im Winter jedoch, wenn viele Gewässer zugefroren sind, kommen die Vögel nur schwer an ihre Beute. In harten Wintern wie diesem haben sie es besonders schwer und es kommt zu radikalen Bestandseinbußen, von denen sich lokale Populationen zum Teil erst nach Jahren wieder erholen [3]. Auf ihrer verzweifelten Suche nach eisfreien Gewässern kann man Eisvögel in der Nähe menschlicher Behausungen und sogar an Gartenteichen antreffen.

Am Neujahrstag 2010 gelang mir die Beobachtung eines solchen Einzelgängers im Göttinger Süden in unmittelbarer Nähe zum Wohngebiet Kiesseekarree. Am kleinen, nicht zugefrorenen Landwehrgraben kam ein Eisvogel mit Beute im Schnabel angeflogen, setzte sich ein paar Meter vor mir auf eine Warte und war dann offensichtlich damit beschäftigt, die Beute nach Eisvogelart zu erschlagen. Davon konnte ich ein paar Belegaufnahmen anfertigen. Ob sie danach verzehrt oder wieder fallen gelassen wurde, ist unklar.

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Erst bei der Durchsicht der Fotos am heimischen Rechner fiel mir auf, dass es sich bei der Beute nicht um einen Fisch gehandelt haben kann. Auf den zweiten Blick war es für mich eine Maus. Man erkennt etwas Schwanzartiges und einen Körper. Schaut man jedoch genauer hin und rechnet nach, kommen Zweifel an der Maustheorie [4]:

Bei dem Vogel handelt es sich augenscheinlich um ein Weibchen. Nach Glutz [2] misst die Schnabellänge von Eisvogelweibchen vom Stirnansatz bis zur Spitze maximal 46 mm. Damit wäre der Mausekörper auf dem Bild nur ca. 35 mm lang. Die kleinste Maus, die Zwergspitzmaus hat jedoch eine Rumpflänge von mindestens 56 mm, dazu kommt ein Schwanz von 32 mm [5]. Wenn überhaupt kann es sich also höchstens um die Überreste einer Spitzmaus handeln.

Schaut man dann noch genauer hin, erkennt man, dass die Beute „am Schwanz“ überfroren und sonst voller Schneekristalle war. Sie kann also nicht direkt aus dem Wasser gefischt worden sein. Für einen Eisvogel, der, anders als seine tropischen Verwandten, seinen Beutetieren ausschließlich im Wasser nachstellt, ist auch dies sehr ungewöhnlich.

Bleibt eigentlich als einzige Erklärung, dass es sich bei dem Schnabelinhalt um ein Pflanzenteil wie z.B. einen Erlenzapfen handelt. In der Literatur ist beschrieben, dass Blätter nach Fang ebenfalls „totgeschlagen“ werden.

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Letztlich muss die Frage, was der desorientierte Fischfänger in der Not erbeutet hat, unbeantwortet bleiben. Desgleichen ist offen, ob ein vergleichbarer Beuteerwerb jemals zuvor fotografisch belegt werden konnte. Möglicherweise liegt hier eine echte Weltpremiere vor. M. Siebner