Libellenbeobachtungen der letzten zwei Jahre – bunte Vielfalt mit zwei Überraschungen

In den vergangenen zwei Jahren wurden in den Landkreisen Northeim und Göttingen 46 Libellenarten beobachtet, davon zwölf exklusiv im Landkreis Göttingen und vier Arten nur im Landkreis Northeim. Zwei Arten wurden erstmals in Südniedersachsen gefunden, eine davon hat den niedersächsischen Erstnachweis dabei nur um gut drei Wochen verfehlt.

Die Vorstellung der Arten erfolgt grob in der Reihenfolge der Häufigkeit an Meldungen, dabei wurden die Arten in vier Klassen eingeteilt: als „sehr häufig“ werden Arten bezeichnet, die jeweils mehr als 5% aller Datensätze ausmachen. Die Anzahl der Individuen wird dabei nicht berücksichtigt. Als „häufig“ können solche Arten angesehen werden, die mehr als 2,5% aller Datensätze ausmachen. Die restlichen Arten sind entweder „mäßig häufig oder lokal“ (Datensätze > 1%) bzw. „selten“. Kritisch anzumerken ist dabei, dass diese Aufstellung stark durch die Auswahl der besuchten Gebiete beeinflusst wird. Einige davon wurden häufig besucht, oder, wegen des Vorkommens bestimmter Arten, mehrfach gezielt aufgesucht. Entsprechend können manche Arten oder Artengemeinschaften überrepräsentiert sein, während bestimmte Libellen nicht in ausreichendem Maße erfasst wurden. Generell sollte der hier dargestellte Überblick aber einen guten Hinweis auf die Häufigkeiten der vorgestellten Libellen in der Region geben.

Sehr häufige Arten

Abb. 1: Eine Gemeine Becherjungfer am Siekgraben. Foto: Volker Hesse

Mit knapp der Hälfte aller Beobachtungen finden sich in den Top 5 – wenig überraschend – eher anspruchslose Arten, die nur an wenigen Gewässern der Region fehlen, nämlich Gemeine Becherjungfer, Hufeisen-Azurjungfer, Große Pechlibelle, Große Königslibelle und Großer Blaupfeil. Die Vielzahl der Meldungen resultiert aber nicht nur aus der weiträumigen Verbreitung dieser Libellen, sondern auch aus deren Flugzeit, die länger ist als bei den meisten anderen hier vorgestellten Arten.

Häufige Arten

Eine Blaugrüne Mosaikjungfer im Botanischen Garten in Göttingen
Abb. 2: Eine Blaugrüne Mosaikjungfer im Botanischen Garten in Göttingen. Foto: Volker Hesse

Auch Plattbauch und Vierfleck wurden jeweils häufig und in vielen Gebieten gesehen, wenn auch nur ausnahmsweise mehr als zehn Tiere an einem Gewässer gefunden wurden. Die höchsten Dichten erreichten beide Arten an den jeweils bevorzugten Gewässertypen, nämlich Pioniergewässern wie dem Siekgraben und dem neu entstandenen Teich am WPZ Kleiner Steinberg (Plattbauch) bzw. dystrophen Gewässern wie den moorähnlichen Gewässern des FFH-Gebiets „Weiher am Kleinen Steinberg“ (Vierfleck). Weitere häufige Arten waren Blaue Federlibelle, Blutrote Heidelibelle, Großes Granatauge, Falkenlibelle, Frühe Adonislibelle, Gebänderte Prachtlibelle, Kleine Königslibelle, Herbst-Mosaikjungfer und Blaugrüne Mosaikjungfer.

Überraschend bei dieser Zusammenstellung sind die Häufigkeiten von Blauer Federlibelle und Großem Granatauge, da diese bislang nur von wenigen Gewässern bzw. in kleinen Individuenzahlen bekannt waren. So wurde die Blaue Federlibelle in 16 weit über beide Landkreise verteilten Gebieten beobachtet. Als Hotspot für diese Art kann der kleine Abflussgraben des an der A7 liegenden Angelteichs innerhalb der Kiesteiche Northeim gelten, an dem mehrfach mehr als 100 Individuen gezählt werden konnten. Dass die Art vorher übersehen wurde ist zwar wahrscheinlich, doch dürfte sich in der Vielzahl der Beobachtungen auch die in Niedersachsen vor allem im Weser-Leinebergland beobachtete Ausbreitung widerspiegeln (vgl. Fuhrmann & Martens 2021). Ungewöhnlich im negativen Sinne sind die vergleichsweise wenigen Meldungen der Blaugrünen Mosaikjungfer, welche mit 28 gemeldeten Beobachtungen nur Platz 15 des Rankings einnimmt. Ob hierfür auch eine geringe Meldemotivation verantwortlich ist, kann nicht beurteilt werden, doch zeigt die Art aus bislang noch ungeklärten Ursachen offensichtlich niedersachsenweit einen leichten Rückgang (Baumann 2023).

Mäßig häufige oder lokale Arten

Abb. 3: Große Heidelibelle fotografiert an der Tongrube Ascherberg. Foto: Volker Hesse

Auch unter den mäßig häufigen oder lokalen Arten gibt es Gewinner und Verlierer. Arten wie Kleines Granatauge, Große Heidelibelle, Feuerlibelle und Frühe Heidelibelle sind wärmeliebend und breiten sich aktuell niedersachsenweit aus. Alle diese Arten waren historisch bei uns fehlend oder selten, die Anzahl der Sichtungen lässt bei uns daher auf eine Zunahme schließen. Auch der Südliche Blaupfeil zählt eigentlich zu dieser Kategorie und dürfte generell bei uns auch zugenommen haben. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Arten hat die Meldefrequenz in Niedersachsen aber abgenommen. Ursache hierfür dürften die trockenen Sommer sein, welche zum Austrocknen der bevorzugten Lebensräume -kleine flache, besonnte Tümpel im Pionierstadium- geführt haben. Regional wird diese Art vor allem am Siekgraben und der Sandgrube Meensen beobachtet, wo eine vollständige Austrocknung jedenfalls nicht stattfand. Mit einer Emergenz an den kleinen Tümpeln im Rückhaltebecken Holtenser Berg wurde 2021 erstmals erfolgreiche Reproduktion nachgewiesen.

Jeweils zwölf Meldungen für Kleine Pechlibelle (ausschließlich im Landkreis Göttingen) bzw. Kleinen Blaupfeil täuschen darüber hinweg, dass beide Arten nur sehr lokal auftreten und auf jeweils wenige Fundstellen begrenzt sind, die aber eben häufiger besucht wurden. Immerhin wurde für letztere Art am Abflussgraben des Angelteiches an den Northeimer Kiesteichen eine offensichtlich sehr starke Population mit Individuen im dreistelligen Bereich entdeckt. Dagegen wurden von der Kleinen Pechlibelle maximal sechs Individuen vor allem nahe dem WPZ „Kleiner Steinberg“ im Kaufunger Wald gefunden. Hier profitiert die Art von der Anlage mehrerer kleinster Teiche, die offensichtlich schnell besiedelt wurden. Als konkurrenzschwache Art benötigt sie kleine, flache, sich rasch erwärmende Gewässer in einem Pionierstadium, unter Umständen reichen ihr schon wasserführende Reifenspuren. Die heißen Sommer der letzten Jahre haben niedersachsenweit an vielen Stellen zum frühzeitigen Austrocknen der Reproduktionsgewässer geführt, so dass die Art sich in leichtem Rückgang befindet. Ein besonderes Augenmerk sollte daher auf diese kleine und leicht zu übersehene Libelle gerichtet werden.

Seltene Arten

Abb. 4: Gabel-Azurjungfer am Siekgraben. Foto: Volker Hesse

Als Highlight der vergangenen zwei Jahre dürfte die erstmalige Feststellung der Gabel-Azurjungfer in Niedersachsen gelten, welche erstmals am 17.6.2021 im Landkreis Oldenburg belegt werden konnte (Lieckweg et al. 2023). Nur kurze Zeit später wurde auch am neu entstandenen Teich nahe des WPZ „Kleiner Steinberg“ im Landkreis Göttingen ein Männchen fotografisch dokumentiert. Gezielte Nachsuchen erbrachten dort bis zu sechs Individuen, Paarungsräder wurden zweimal gesehen. Aber auch am Siekgraben und den Höckelheimer „Wunderteichen“ wurde 2022 jeweils ein Männchen gefunden, was ein Indiz für die Ausbreitung der Art auch in bzw. nach Niedersachsen sein dürfte.

Weitere 21 Arten wurden weniger als 10 Mal gemeldet. Hierzu zählen Gemeine Binsenjungfer und Torf-Mosaikjungfer, beides Arten die ehemals in Südniedersachsen nicht selten waren und auch niedersachsenweit eine moderate bis starke Abnahme zu verzeichnen haben. Die Torf-Mosaikjungfer wurde immerhin an vier verschiedenen Orten (LIFE BOVAR-Teiche bei Düna, Alter Botanischer Garten, Experimenteller Botanischer Garten, Weiher am Kleinen Steinberg) gefunden. Hinweise auf Reproduktion liegen aber nicht vor. Am verlässlichsten für diese Art hat sich der Experimentelle Botanische Garten Göttingen erwiesen, wo immerhin Territorialverhalten eines Männchens über einen längeren Zeitraum auf Reproduktion hoffen lässt. Die Gemeine Binsenjungfer scheint dagegen vielerorts verschwunden zu sein. Verlässlich ist sie noch an den „Weihern am Kleinen Steinberg“ zu finden, abgesehen davon ist der Seeanger mit der Beobachtung eines Männchens das einzige weitere Gebiet mit Artfund. Einige Bereiche innerhalb des Seeangers dürften der Art sehr zusagen, möglicherweise reproduziert sie sich dort; mangels Begehbarkeit konnte dies jedoch nicht überprüft werden.

Die geringe Anzahl an Meldungen der Glänzenden Smaragdlibelle (neun Beobachtungen) und der Westlichen Weidenjungfer (sechs Beobachtungen) überraschen etwas, da beide Arten eigentlich über beide Landkreise weit verbreitet sein sollten. Hier dürften die notorisch schwierige Abgrenzung zu ähnlichen Arten bzw. die unauffällige Lebensweise dazu geführt wurden, dass einige Tiere schlichtweg übersehen wurden. Dennoch können beide Arten nach momentanem Kenntnisstand in der Region nicht als häufig gelten.

Erfreulich scheint dagegen der regionale Bestand des westeuropäischen Endemiten Westliche Keiljungfer zu sein. Zwar gibt es lediglich eine Handvoll Sichtungen, diese liegen aber an mehreren, weit auseinander liegenden Gewässern in Bodenabbaugebieten wie den Kiesteichen Northeim, der Tongrube Ascherberg, den Kiesteichen Klein Schneen oder den Kiesgruben Auekrug bei Scharzfeld. Emergenzen in einigen dieser Gebiete zeugen von erfolgreicher Reproduktion. Gezielte Suchen in ähnlichen Gebieten dürften erfolgversprechend sein.

Arten, deren Lebensraumansprüche regional nur von wenigen Gewässern erfüllt werden, wurden ebenfalls eher selten gesehen. Hierzu zählt die Palette an mooraffinen Arten, welche ausschließlich von den Weihern am Kleinen Steinberg gemeldet wurden: Speer-Azurjungfer, Kleine Binsenjungfer, Große Moosjungfer sowie Kleine Moosjungfer. Immerhin scheint letztere Art dort von der Neuanlage kleinerer Teiche in Waldschadensflächen zu profitieren, denn mindestens sieben Männchen patrouillierten dort an verschiedenen Teichen. Auch die Schwarze Heidelibelle zählt zu den Arten, die sich vorzugsweise an Moorgewässern reproduziert. Deren einziger Nachweis der letzten zwei Jahre stammt allerdings aus dem Experimentellen Botanischen Garten, wo die Sichtung eines Männchens im Juli 2022 aber auf einen Tag beschränkt war.

Ebenfalls selten wurde eine Reihe an Arten mit Verbreitungsschwerpunkt im Süden oder dem deutschen Tiefland entdeckt. Hierzu zählen Braune Mosaikjungfer, Früher Schilfjäger, Saphirauge, Keilfleck-Mosaikjungfer und Gemeine Winterlibelle. Zwar sind alle diese Arten auch in der Vergangenheit in Südniedersachsen zu finden gewesen, die Zahl bzw. Frequenz der Sichtungen dürfte -trotz der nur wenigen Sichtungen- aber eher zugenommen haben, wofür auch der allgemein positive Bestandstrend dieser Arten in Niedersachsen spricht. Alle der genannten Libellen wurden in einem Radius von nur wenigen hundert Metern um den Angelteich der Kiesteiche Northeim gefunden, auch wenn die beiden Kleinlibellen noch von anderen Stellen dokumentiert werden konnten, insbesondere der Tongrube Ascherberg und den Kiesteichen Angerstein. Im Gegensatz dazu existieren lediglich zwei Funde der Gemeinen Heidelibelle, einer ehemals sehr verbreiteten Art. Abgesehen von einem Individuum im Experimentellen Botanischen Garten wurden mehrere Individuen nur noch am LIFE BOVAR-Teich bei Düna gesehen. Die Art scheint sich mehr und mehr aus der Region zu verabschieden. Ob dies direkt auf die für die Art nicht zuträgliche Klimaerwärmung zurückzuführen ist oder die steigenden Durchschnittstemperaturen einen indirekten Einfluss durch Förderung des potentiellen Konkurrenten Große Heidelibelle hat, ist unklar. Dieser einzige Fundort liegt jedenfalls auf knapp 300m ü. NN und könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich die Gemeine Heidelibelle in Südniedersachsen in (kühlere) höhere Gebiete zurückzieht.

Die LIFE BOVAR-Teiche sind auch das einzige Gebiet, von dem eine Glänzende Binsenjungfer gemeldet wurde. Inwiefern diese einzige Beobachtung auf fehlende Lebensräume (idealerweise Wiesentümpel sowie seggen- und/oder binsenreiche Vernässungs- und Überschwemmungsflächen, die durch deutliche Wasserstandsschwankungen gekennzeichnet sind) zurückzuführen ist oder lediglich das unstete Auftreten der Art widerspiegelt, muss die Zukunft zeigen.

Bei den seltenen Fließgewässerarten haben sich die beiden Populationen der Helm-Azurjungfer an der Weende bei Angerstein und an Suhle/Ellerbach bei Gieboldehausen bestätigt. Erfreulich ist das langsame Einwandern der Grünen Flussjungfer von Norden kommend entlang der Leine. Nachdem bereits Funde bei Einbeck publiziert wurden (vgl. Burkart & Suhling 2021), konnte 2022 auch ein Weibchen an den Kiesteichen Northeim entdeckt werden. Auf diese Art ist entlang der Leine zu rechnen, auch wenn gezielte Suchen im Göttinger Raum 2022 ergebnislos verliefen.

Von der Gestreiften Quelljungfer mit ihrer für Libellen ungewöhnlichen Vorliebe für kleine Quellbäche in Waldnähe, gibt es lediglich einen Nachweis am Lamfertbach bei Eberhausen. Zwar sind beide Quelljungfernarten (die Zweigestreifte Quelljungfer wurde gar nicht gemeldet) regional nicht häufig, allerdings fanden auch keine gezielten Suchen statt.

Sehr erfreulich war der regionale Erstnachweis einer Südlichen Mosaikjungfer im Juli 2022 am Tripkenpfuhl im Göttinger Wald. Die Art wird zwar seit 1994 in Niedersachsen beobachtet und hat sich an mehreren Stellen im Land etabliert. Bisherige Beobachtungen sind aber vor allem auf die Flusstäler des Tieflandes beschränkt. Als höchster Fundpunkt wird 204 m ü. NN angegeben (Buchwald & Martens 2021). Der Tripkenpfuhl liegt zwar auf 310 m ü. NN, sollte aber als passend erscheinendes Gewässer in Zukunft in Hinblick auf diese Art begangen werden.

Abb. 5: Der Erstnachweis einer Südlichen Mosaikjungfer am Tripkenpfuhl. Foto: Volker Hesse

Um die Entwicklungen der heimischen Libellenarten auch weiterhin im Blick behalten zu können, sind nach wie vor ALLE Meldungen (auch historische) von großem Interesse. Nähere Informationen können der überarbeiteten Publikation im Download entnommen werden. Eine erste Übersicht unserer heimischen Libellenarten aus dem Jahr 2021 findet sich hier.

Ein besonderer Dank gilt allen Beobachtern, die Daten aus den letzten beiden Jahren zu Verfügung gestellt haben: Martin Fichtler, Alexander Franzen, Ole Henning, Monika Jenssen, Bernd Riedel, Andreas Stumpner.

Volker Hesse

Literatur

Baumann, K. (2023): Situation der Arten in Niedersachsen/Bremen nach den jüngsten Dürresommern – vorläufige Trends für die Jahre 2019-2022 aus der Datenbank der AG Libellen. Mitteilungen der AG Libellen in Niedersachsen und Bremen Nr. 5 (2023): 15-30.

Buchwald, R. & A. Martens (2021): Aeshna affinis – Südliche Mosaikjungfer (ag-libellen-nds-hb.de) (9.6.2023)

Burkart, W. & F. Suhling (2021): Ophiogomphus cecilia – Grüne Flussjungfer. In: Baumann, K., R. Jödicke, F. Kastner, A. Borkenstein, W. Burkart, U. Quante, & T. Spengler (2021): Atlas der Libellen in Niedersachsen und Bremen. Natur in Buch und Kunst: 210-213

Fuhrmann, K. & A. Martens (2021): Platycnemis pennipes – Blaue Federlibelle (9.6.2023)
Lieckweg A., E. Lüers, C. Mau-Hansen, K.J. Borchert & V. Hesse (in Vorb.)

One Reply to “Libellenbeobachtungen der letzten zwei Jahre – bunte Vielfalt mit zwei Überraschungen”

  1. Pingback: Libellen in Südniedersachsen – Arbeitskreis Göttinger Ornithologen